Ein junger Mann schleppt seinen alten Vater auf einem Holzgestell durch eine unwirtliche Landschaft, über Berge und durch Täler - stellvertretend für alle Menschen trägt er die Last des Lebens und der Vergangenheit auf seinen Schultern, Erfahrungen, die niemand abschütteln kann, die uns bis zur Bahre begleiten. In 19 von den Autoren Ralf Schmerberg und Antonia Keinz ausgesuchten Gedichten spiegelt sich das Leben wieder, mal leichtfüßig wie
Meret Becker bei ihrem Auftritt im Hebbel-Theater Berlin mit Mascha Kalékos "Sozusagen grundlos vergnügt" mit in den Bühnenhimmel steigenden Wolken und heiteren Fantasiewesen, mal erdenschwer mit der andalusischen Osterprozessionen nach "Tenebrae" von Paul Celan, wo in einer fast surrealen Atmosphäre düstere Choräle das religiöse Ritual begleiten, Männer starren Schrittes den gekreuzigten Christus und die weinende Madonna durch die engen Gassen tragen, Gläubige sich ehrfürchtig vor der göttlichen Macht beugen.
Sehr realistisch geht es dagegen in der Sequenz nach Ingeborg Bachmanns "Nach grauen Tagen" zu. Das sonntägliche Familientreiben mit
Jürgen Vogel und
Anna Böttcher ist hier keine Idylle, sondern Tortur. Weg von Kindergebrüll und lauter Musik steckt die am Rande des Nervenzusammenbruchs stehende Mutter und Ehefrau ihren Kopf in einen riesigen Luftballon, einziger Ruhepunkt in aller Hektik. Im fahlen blauen Licht erlebt sie einen kurzen Moment der Befreiung, werden der Seele Flügel gegeben, die Bitterkeit langer Nächte vergessen. Doch dann hat der Alltag sie wieder, der Traum von kleinen Fluchten zerplatzt mit hartem Knall wie der Ballon.
Was wäre Poesie ohne Liebe, Liebe ohne Poesie? Liebesleid und Liebesglück - der Nährboden für das raffinierte Spiel mit Worten. Mit ganz einfachen aber zugleich aussagekräftigen Symbolismen wird bei Heiner Müllers "Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen" gearbeitet. Hochzeitskleider, Zeichen ewiger Liebe, hängen in einem schicken Show-Room - in mattem weiß, zartem elfenbein, glänzendem crème. Unter
Richy Müllers Rezitation beginnt plötzlich ein Kleid zu brennen, erst langsam dann immer schneller greifen die Flammen auf das nächste über, bald fressen sie sich gierig durch die Gewänder, die sich noch einmal aufblähen wie von Geisterhand bevor sie sich in Asche pulverisieren. Imagination für zerbrochene Gefühle, zerstobene Hoffnungen. Ein Zerrbild der Emotionen...
"Poem" ist Kino der etwas anderen Art: 19 Gedichte wurden in 91 Minuten in Szene gesetzt - umspannt von einer dürftigen Rahmenhandlung. Vermutlich ein Leckerbissen für Literaten ...